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Erhöhte Sitzebene

Die Haltungsbedingungen von Kaninchen haben sich innerhalb der letzten 20 Jahre rasant entwickelt. Dabei wurde von extensiver Haltung in Kleinbeständen zu intensiven Haltungsbedingungen übergegangen. Wesentliche Probleme bei der konventionellen Käfighaltung sind die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und die reizarme Umwelt.

Die Haltung von Nutztieren steht immer mehr im Mittelpunkt des Interesses. Zunehmend in den Vordergrund rücken die Anforderungen an die Tiergerechtheit von Haltungssystemen. Die damit verbundenen Diskussionen zielten insbesondere auf Nutztiere wie Hühner, Rinder und Schweine ab. In jüngerer Zeit verstärkten sich jedoch kritische Anmerkungen zur Kaninchenhaltung. Traditionelle Flachkäfige für Mastkaninchen wurden in der Vergangenheit unter Tierschutzaspekten aufgrund der reizarmen Haltungsumgebung zunehmend kritisch diskutiert.

Um den Tieren in der Käfighaltung die Möglichkeit zu geben, ihre arttypischen Verhaltensweisen auszuüben und die „Animal-Welfare-Situation“ (das „Wohlbefinden“ der Tiere) zu verbessern, werden die Haltungssysteme mit verschiedenen Objekten angereichert (Anreicherung der Lebensumgebung = „Environmental Enrichment“). Diese angereicherten Käfige (= „Enriched Cages“) sollen Aggressionen und Stereotypien verhindern und den Kaninchen die Möglichkeit bieten, ihren natürlichen Verhaltensweisen nachzukommen. Diese Objekte können sehr vielfältig sein und werden unter dem Überbegriff „Environmental Enrichment“ zusammengefasst. Darunter können verschiedene Strukturen oder Objekte verstanden werden, die als Beschäftigungsgegenstände für die Tiere in den Käfigen eingesetzt werden, z.B. Stroh, eine erhöhte Sitzebene, Knabberhölzer oder Tunnel.

In der Literatur wird beschrieben, dass die Tiere in konventionellen Käfigen weniger gut an ihre Umwelt adaptiert scheinen, Stereotypien ausüben und weniger stressresistent sind. Kaninchen in Einzelkäfigen mit hölzernem Unterschlupf zeigten wiederum weniger rastloses Verhalten, exzessives Fellpflegen und Gitternagen als Tiere in konventioneller Einzelhaltung. Das „Environmental Enrichment“ gibt dem Tier also die Möglichkeit, besser mit seiner Umgebung auszukommen.

Eine Möglichkeit, die Haltungsumgebung der Tiere anzureichern, kann im Anbringen einer erhöhten Sitzebene bestehen. Jedoch liegen in der Literatur keine Erkenntnisse über Auswirkungen einer erhöhten Sitzebene auf Mastkaninchen vor, während zum Einsatz einer erhöhten Plattform bei Zuchthäsinnen bereits Ergebnisse existieren.

Die Fragen nach der Notwendigkeit einer erhöhten Sitzebene auf den Gitterrosten ist für Zuchthäsinnen und wachsende Kaninchen (Mastkaninchen) jedoch unterschiedlich zu sehen. Während für Häsinnen die Notwendigkeit einer erhöhten Sitzebene bei Lösung der hygienischen Probleme (z.B. Verhindern des Urinierens und Kotens in den Futtertrog) überwiegend bejaht wird, wird eine solche für Mastkaninchen bislang nicht zwingend gefordert. Dabei spielt die mögliche Verletzungsgefahr (der jungen Absetzkaninchen beim Springen auf die erhöhte Sitzebene) eine Rolle. Eine solche Sitzebene jedoch bietet den wachsenden Kaninchen zum einen mehr Käfigfläche (ohne den Käfig tatsächlich zu vergrößern) und zum anderen die Möglichkeit, sich darunterzusetzen oder auf sie aufzuspringen.

Das Ziel vorliegender Untersuchung bestand darin, unter Tierschutzaspekten die Frage nach dem Angebot einer erhöhten Sitzebene für wachsende Kaninchen wissenschaftlich zu beantworten, um daraus Schlussfolgerungen für eine artgerechte Haltung abzuleiten.

Die Untersuchung

Die Untersuchungen wurden auf der Lehr- und Forschungsstation Oberer Hardthof des Institutes für Tierzucht und Haustiergenetik der Justus-Liebig-Universität Gießen in zwei klimatisierten Stallabteilen durchgeführt. Für die Untersuchungen wurden in vier Durchgängen 35 Tage alte Zika-Kaninchen eingestallt und durchschnittlich 56 Tage aufgezogen. Bei Einstallung wurden die Tiere gesext, gewogen, tätowiert, auf Integumentschäden bonitiert und paritätisch auf acht Gruppenkäfige (16 Tiere pro Käfig, 625 cm² Fläche pro Tier; Hälfte der Käfige mit und Hälfte der Käfige ohne erhöhte Sitzfläche) aufgestallt. Für die Stallbeleuchtung sorgte ein Lichtprogramm von 6 bis 22 Uhr (Lichtrhythmus: 16 Stunden Lichtphase, 8 Stunden Dunkelphase). Allen Tieren standen Wasser zur freien Aufnahme per Nippeltränke und verschiedene Futtermittel über Automaten zur Verfügung.

Es erfolgten Untersuchungen während der achtwöchigen Haltungsperiode über jeweils 24 Stunden in der zweiten, fünften und achten Haltungswoche. Das Verhalten (Anzahl auf, unter und vor der erhöhten Sitzfläche befindlicher Tiere) wurden mittels Infrarot-Videotechnik aufgezeichnet und im Fünfminuten-Intervall erfasst (n = 6518 Beobachtungen) und einer statistischen Bearbeitung unterzogen.

Das Grundprinzip der Verhaltensuntersuchungen bestand zum einen darin, dass das Verhalten tagsüber wie auch bei Dunkelheit lückenlos erfasst werden konnte, und zum anderen in der Möglichkeit, die Verhaltensweisen im Fünfminuten-Intervall der Realzeit zuordnen zu können.

Die Ergebnisse

In den vier Durchgängen mit bzw. ohne erhöhte Sitzebene befanden sich durchschnittlich 43,9 % der Tiere – gemittelt über die jeweiligen Tage – auf der erhöhten Sitzebene. In dieses Ergebnis gingen die Werte von 6518 Beobachtungen im Fünfminuten-Intervall (288 Werte pro Tag) über insgesamt 24 Tage (vier Durchgänge x drei Mastabschnitte x zwei Käfige mit erhöhter Sitzfläche) ein. Zu Mastbeginn war der durchschnittliche Anteil der Kaninchen auf der zweiten Ebene mit 47,8 % signifikant höher (vgl. Abb. 1) als zu Mastmitte (43,1 %) und zu Mastende (40,6 %). Dabei ist zu beachten, dass zu Mastende nicht mehr alle Tiere gleichzeitig auf die erhöhte Sitzebene passten.

Für den Aufenthalt auf der erhöhten Sitzebene(bzw. darunter) war eine klare Tagesrhythmik zu erkennen: In den Nachtstunden ohne Kunstlicht war die Nutzungsintensität statistisch gesichert höher als in den Stunden mit Beleuchtung (in den Abteilen war Naturlichteinfall gegeben). In einzelnen Nachtstunden waren bis zu 70 % der Kaninchen (bezogen auf den gesamten Datenumfang, in einzelnen Durchgängen war die Quote noch höher) auf der erhöhten Ebene anzutreffen. Mit Einschalten des Kunstlichtes um 6 Uhr sank der Anteil bis auf unter 20 % pro Stunde ab, um gegen Nachmittag und Abend hin allmählich wieder anzusteigen (vgl. Abb. 2). Insbesondere bezogen auf die Dunkelphase unterschieden sich die Mastabschnitte signifikant.

Entsprechend umgekehrt zum Aufenthalt auf der zweiten Ebene stellten sich die Werte für den prozentualen Aufenthalt pro Stunde unter der erhöhten Sitzfläche dar (vgl. Abb. 3). Die Tagesmaxima wurden zwischen 9 und 13 Uhr erreicht, die niedrigsten Werte wurden in den Nacht- und frühen Morgenstunden registriert. Die restlichen Zeitanteile betrafen den Aufenthalt vor der zweiten Ebene auf der Bodenfläche vor dem Trog, zumeist im Zusammenhang mit Fressen.

Zu Mastbeginn war der Prozentsatz auf der zweiten Ebene befindlicher Tiere signifikant höher als zu Mastende (vgl. Abb. 4). Die Dynamik der Nutzung der erhöhten Sitzebene in Abhängigkeit von der Lichtperiode war dementsprechend im ersten Haltungsabschnitt stärker ausgeprägt als im mittleren Haltungsabschnitt. Am Ende der Haltungsperiode war kein Tagesrhythmus mehr zu erkennen.

Über alle Durchgänge hinweg hatte die erhöhte Sitzebene keinen signifikanten Einfluss auf die Mortalitätsrate (Sterblichkeitsrate) und die Morbiditätsrate (Erkrankungsrate). Die Mortalitätsrate in Käfigen ohne erhöhte Sitzebene unterschied sich nicht von der in Käfigen mit erhöhter Sitzebene.

Der Einsatz einer erhöhten Sitzebene hat somit aus Sicht der Tiergesundheit keine Nachteile. Über alle Durchgänge hinweg zusammengefasst waren die Boniturnoten für Anzahl und Schweregrad von Verletzungen an Kopf, Ohren, Rücken, Bauch, Vorder- und Hinterläufen, der Blume sowie dem Genitalbereich bei den Tieren beider Haltungsvarianten annähernd identisch. Insgesamt waren zum Zeitpunkt der Ausstallung die Noten für die Anzahl und den Schweregrad von Verletzungen an den Tieren sehr niedrig. Zwischen 71,5 und 73,8?% der Tiere wiesen keine Verletzungen auf, und die Läufe der Tiere waren immer unverletzt. Auch konnten keine stärker verschmutzten Tiere aus Käfigen mit erhöhter Sitzebene ausfindig gemacht werden (anfänglich wurde vermutet, dass Tiere unterhalb der erhöhten Sitzebene von durch die Spalten fallendem Kot oder durch Urin stärker verschmutzt würden).

Ein Nachteil der erhöhten Sitzebene liegt jedoch in der erschwerten Tierkontrolle. Der Blick in den Käfig unter die Sitzfläche wird durch diese so versperrt, dass die dort befindlichen Tiere nicht ohne Öffnen des Käfigs und Anheben der Sitzfläche gesehen und kontrolliert werden können.

Abgesehen von der erschwerten Tierkontrolle bietet die erhöhte Sitzfläche den Kaninchen zusätzliche Bewegungsfläche (bis + 60 %) und zeigt in der Zusammenfassung aller Ergebnisse Vorteile hinsichtlich der Ausübung arttypischer Verhaltensweisen. Eine erhöhte Sitzebene bereichert die Käfigumgebung der wachsenden Kaninchen in der Weise, dass sie es den Tieren ermöglicht, der arttypischen Verhaltensweise des „Bauverlassens“ durch Aufspringen auf die erhöhte Sitzfläche und des „Bauaufsuchens“ durch Aufenthalt unter der zweiten Ebene nachzukommen.

In Untersuchungen von Selzer (2000) wurde festgestellt, dass Wildkaninchen in Freigehegen ebenso wie im Freiland eine deutliche Dynamik des „Bauaufsuchens“ und „Bauverlassens“ innerhalb von 24 Stunden haben. Eine ähnliche Rhythmik konnte auch bei der Nutzung der erhöhten Sitzfläche in den eigenen Untersuchungen beobachtet werden. Während die Wildkaninchen in den Untersuchungen von Selzer (2000) zwischen 8 und 16 Uhr kaum außerhalb der Bauten zu beobachten waren, so befand sich während der Nachtstunden der Großteil der Tiere im Freien. In der vorliegenden Studie konnten ähnliche Dynamiken nachgewiesen werden. In der Tagphase befand sich ein Großteil der Tiere unterhalb der erhöhten Sitzfläche mit Maximalwerten zwischen 8 und 14 Uhr, was als „Bauaufsuchen“ interpretiert werden kann. Mit Eintreten der Nachtphase, nach Ausschalten des Kunstlichtes, verließen die Tiere den Platz unterhalb der Sitzfläche und sprangen auf diese hinauf (bis zu 100 % der Tiere auf der erhöhten Sitzfläche), was dem Verhalten des „Bauverlassens“ gleichgesetzt werden kann.

Das Fazit

Abgesehen von deutlich erschwerter Tierkontrolle stellt die erhöhte Sitzebene eine durchweg positive Anreicherung der Lebensumgebung für wachsende Kaninchen dar. Eine sorgfältige, tägliche Gesundheitskontrolle aller Tiere muss dabei jedoch sichergestellt werden.

Wir danken dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz für die Unterstützung.

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